Mal wieder im Zug.

Als Vielfahrer bei der Deutschen Bahn erwirbt man sich mit der Zeit ja sehr nützliches Wissen um sich das Reisen etwas angenehmer und auch preiswerter zu gestalten. Beispielsweise spare ich mir seit geraumer Zeit die 4,50 € Gebühr für eine Platzreservierung.

Dazu nutze ich oft den simplen Trick mich sofort auf einen der Plätze für Schwerbehinderte zu setzen nachdem ich eingestiegen bin. Zum einen laufen aufgrund der Nähe zur Türe alle anderen Fahrgäste hastig vorbei um schnellstmöglich in die Mitte des Zuges vorzustoßen, wobei sich mir noch immer nicht erschlossen hat was sie da zu finden hoffen, zum anderen setzt sich auch dann selten einer zu mir wenn langsam mal auffällt, dass ich doch einen ganzen Vierersitz für mich alleine habe.

Ich kann mich dann in aller Seelenruhe ausbreiten, habe genug Steckdosen für Handy und Laptop und Beinfreiheit bis Meppen. Weder lästige übel riechende Wurstbrotauspacker, nervige Gesprächsaufdrängler, sabbernde Schnarcher oder gar militante Mütter mit quengelnden Kindern stören mich in meiner Ruhe. Wobei man sich letztere auch sehr gut mit einem frivolen Männermagazin, welches man gut sichtbar vor sich auf dem Tisch drapiert, vom Leib halten kann.

Die Methode sich einfach auf den Schwerbehindertenplatz zu setzen birgt natürlich das Risiko diesen verlassen zu müssen sobald tatsächlich ein Schwerbehinderter jenen Platz beansprucht. Was ich natürlich selbstredend tun würde. Aber keine Sorge, dies ist in meiner Bahnfahrkarriere noch nie vorgekommen. Und selbst wenn, es ist stets ein Vierersitz und die Wahrscheinlichkeit das gleich vier Schwerbehinderte einsteigen ist wohl eher gering. Man braucht also auch keine Angst um seine moralische Reputation zu haben da man faktisch niemandem diesen Platz weg nimmt. Ihr seht, dieser Trick birgt lauter Vorteile und funktioniert. Aber warum?

Der Grund ist simpel: Wir sind in Deutschland und in Deutschland müssen Regeln befolgt werden. Die rote Leuchtschrift „Schwerbehinderte“ über meinem Kopf am Fenster ist eine Regel und sie leuchtet sogar noch Rot. Das unterstreicht ihre Wichtigkeit natürlich enorm und sie ist daher mein Schutzschild gegen lästige Mitreisende.

Bis gestern in Berlin eine junge renitente Dame Mitte Zwanzig einstieg, einen Blick auf die Leuchtschrift warf, mich eingehend betrachtete und sich dann setzte. Nicht nur die Tatsache dass sie wohl meine Taktik durchschaut hatte erschütterte mich. Nein, viel schlimmer: Sie brach dabei eines dieser stillen zwischenmenschlichen Gesetze die unsere Gesellschaft funktionieren lassen ohne das wir ständig auf andere nervende Erdenmitbewohner losgehen. Eines der Gesetze welche einfach existieren ohne die Notwendigkeit zu haben in einem Gesetzbuch geschrieben stehen zu müssen.

Nämlich das Gesetz des diagonalen Sitzens. Man setzt sich bei einem solchen Vierersitz nämlich niemals und auf gar keinen Fall direkt gegenüber des Anderen. Nein verdammt! Man setzt sich diagonal gegenüber, auch wenn dies bedeutet dass man eben nicht am Fenster sitzen kann. Dies verhindert nämlich dass man ständig mit den Beinen und Füßen seines Gegenübers ins Gehege kommt. Mein Tanzbereich – Dein Tanzbereich. Der Dirty Dancing Fan unter euch weiß wovon ich rede.

Das war es dann also mit meiner Beinfreiheit. Sich störte sich im weiteren Verlauf der Fahrt bis Hamburg weder an Abwehrmaßnahme Nummer 1, meinem übel riechenden Wurstbrot, noch an Abwehrmaßnahme Nummer 2, dem frivolen Männermagazin. Vermutlich hatte sie das Erscheinungsdatum erspäht und sofort erkannt, dass die Investition in dieses Schmuddelheftchen schon einige Zeit zurück liegt und es nur zur Abwehr besagter militanter Mütter dient. Naja, zugegeben, ich sehe ja nun auch nicht aus wie ein Schmuddelheftleser und diese Finte war leicht zu durchschauen.

Sie versuchte mit Fifty Shades of Grey zu kontern (so ein ödes Buch über Hausfrauen-BDSM). Das hat mir jetzt zwar ein müdes Gähnen abgerungen aber an der Situation nichts geändert. Tja, da ist wohl nichts zu machen dachte ich mir in Anbetracht der Tatsache das alle meine Mittel erschöpft waren und erkämpfte mir unter dem Tisch einen weiteren Zentimeter Beinfreiheit indem ich meinen Fuß unverfroren ein Stück nach vorne schob. Da ich noch nie etwas für Berührungen von fremden Menschen übrig hatte, gewann sie im weiteren Verlauf der Fahrt auch diesen Kampf.

Man kann ja nicht immer gewinnen.

 

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