Nummer 8

Kinshasa, Kongo, N´Dolo Airport

02.08.2006 – Tag 21 – Im Herzen der Dunkelheit

Freunde, drei Wochen sind es nun schon, die wir hier in Kinshasa sind und das Lager am N´Dolo Airport aufbauen. Drei Wochen „In the heart of darkness“ wie wir es inzwischen getauft haben. Denn wie ich euch anfangs schon berichtete, ist die Sonne noch immer äußerst selten in voller Pracht zu sehen. Man stelle sich vor: man befindet in Zentralafrika, auf der Südhalbkugel sogar, 4°20´ südlicher Breite um genau zu sein, also nur unweit vom Äquator und es gibt keine Sonne zu sehen. Im Gegenteil. Kennt ihr Herbsttage, an denen der Nebel abends  aus den Wiesen hervor kriecht und schwer und behäbig die Straßen entlang fließt? Wenn die Straßenlaternen sich nur noch erahnen lassen und ihr diffuses Licht sich nur mit Mühe durch den Dunst kämpft? Der Smog hier tut es dem Nebel gleich und stiehlt der Sonne ihre Strahlen, nimmt ihr die Schönheit und während er dies tut, verbreitet er einen Geruch den ich wohl niemals vergessen werde. Er verschluckt sie und lässt sie nur für wenige Augenblicke zum Sonnenauf- und Untergang am Horizont  hervor schauen. Die Sonne ist dann so groß und prachtvoll glühend als wolle sie zeigen wie erhaben sie doch über alles ist. Die imposantesten Momente des Tages.

Wie ich euch auch schon in einem vorigen Post geschrieben habe, versuche ich mich zu dieser Zeit abends oft ein Stück weit hinaus aus dem eigentlichen Lager zum Flugzeugfriedhof zu schleichen. Die Stille und die Aussicht dort entschädigen für vieles. Das ist meine Zeit für mich am Tag. Meine Auszeit. Und die nehme ich mir. Heute saß ich wieder auf der Tragfläche der alten kleinen Transportmaschine und ließ Blicke und Gedanken gleichermaßen schweifen. Die Luft flimmert über der Rollbahn und ganz am Ende kann man im Dunst der heißen Luft sogar die einzigen Palmen weit und breit erahnen. So ein bisschen Afrika ist es dann doch hier.

Aber eigentlich wollte ich euch ja von Nummer 8 erzählen. Wer ist Nummer 8 fragt ihr euch bestimmt. Nun, ein paar Mal hatte ich ihn schon erwähnt. Ihr erinnert euch sicher an den kleinen Jungen im roten T-Shirt der uns vom ersten Tag an beobachtet hat, uns immer militärisch grüßt und immer neugieriger und zutraulicher wurde.  Wir haben einige Male versucht in anzusprechen, aber er sagt nie etwas. Anfangs schaute er uns immer nur aus sicherer Entfernung zu mit seinen großen Augen in denen man Scheu und Neugier gleichermaßen sehen kann. Mit der Zeit wurde er immer neugieriger und gesellte sich auch einfach mal dazu wenn wir oder unsere polnischen Freunde vom Sicherungszug irgendwo herum standen. Er fällt immer sofort auf hier wegen des roten T-Shirts auf dem „Number 08“ vorn auf der Brust geschrieben steht. Da ein Gespräch nicht wirklich möglich war und wir nicht wussten wie er hieß, nannten wir ihn also irgendwann einfach Nummer 8. Nummer 8 schlich den ganzen im Dunstkreis unseres , inzwischen langsam Gestalt annehmendem, Camps und ein paar von den Jungs witzelten schon wir hätten ein Maskottchen. Oder einen Spion. Vielleicht aber auch nur einen kleinen neugierigen Jungen. Einen hungrigen kleinen verlorenen Jungen.

Seit einer Weile habe ich bemerkt, dass er mir abends immer hinterher schleicht, wenn ich den Weg am Hangar vorbei zum Flugzeugfriedhof gehe. Er setzt sich immer hinter das Bugrad der alten Transportmaschine und wartet da auf – ja auf was genau weiß ich nicht, aber dieses Spiel geht nun schon einige Tage so zwischen uns. Mein Bauchgefühl sagt mir, wenn er wöllte dass ich ihn dabei nicht bemerke, würde ich es auch nicht bemerken. Also folgerte ich daraus, dass es vielleicht ein stiller, vorsichtiger Versuch von ihm ist Kontakt aufzunehmen und ich habe angefangen eine Packung Panzerkekse aus unseren EPA Päckchen auf das Bugrad der Maschine zu legen bevor ich auf die Tragfläche hoch klettere. Immer wenn ich meine Zigarette aufgeraucht habe, die Sonne untergegangen ist und ich hinunter steige sind Kekse und Nummer 8 verschwunden. Woher er kommt und wohin er geht – ich weiß es nicht. Aber ich vermute er gehört zu der Gruppe ehemaliger Kindersoldaten die in dem alten Hangar fast am Ende der Rollbahn hausen. Ich hoffe es ein bisschen, denn ich glaube von einer Packung Panzerkekse werden einige von den Jungs satt.

Heute Abend hat sich unser Spiel aufs Neue wiederholt. Ich schlich mich raus, bemerkte ihn, wie er versetzt hinter mir zwischen alten Flugzeugteilen hindurch huschte und mir nachging. Ich legte meine Packung Kekse auf das Bugrad und kletterte auf die Tragfläche. Ein warmer Wind blies mir entgegen sodass ich kaum meine Zigarette anzünden konnte. Ganz so, als würde die Sonne noch einmal ausatmen bevor sie im am Horizont versinkt. Ich saß da, rauchte und ließ meine Füße baumeln als es hinter mir blechern tapste. Nummer 8 war ebenfalls auf die Tragfläche geklettert. Ich lächelte ihn an, freundlich und entspannt. Nun, jedenfalls versuchte ich es denn die Situation hatte ich nicht nun keinesfalls erwartet und ich muss zugeben das ich ziemlich nervös war in diesem Moment. Nummer 8 stand gefühlte 5 Minuten da und tat was er immer tat. Er schaute mich einfach an. Keine Regung. Keine Miene. Er schaute mich einfach an mit großen neugierigen Augen. Ich drehte meinen Kopf wieder, nahm einen Zug von meiner Zigarette und sah in die Sonne. Es tapste wieder blechern auf der Tragfläche und Nummer 8 setze sich knapp einen Meter neben mich und ließ ebenso die Beine taumeln.

Ich versuchte es erneut mit einem Lächeln und einem „Hi“. Er schaute mich an. Er schaute mich einfach nur an. Schweigend. Also dachte ich mir, ich belasse es einfach dabei. Was bringen schon Worte wenn man einander sowieso nicht versteht. Sie sind doch mehr Barriere als Hilfe wie ich schon das ein oder andere Mal feststellen musste. Manchmal muss nichts gesagt werden. Manchmal, würde es den Moment zerstören wenn etwas gesagt werden würde.

Die Sonne war inzwischen schon fast gänzlich verschwunden und tauchte den sonst so hässlich grauen Smog in ein glühendes orange. So hat doch alles seine schönen Seiten. Selbst das graue stinkende Etwas das hier täglich über uns schwebt hat einen Augenblick am Tag, an dem es leuchtet. Wenn auch nicht aus sich selbst heraus. Aber da ist es wie bei den Menschen. Es gibt auch unter uns diejenigen, deren ganzes Wesen von innen heraus strahlt. Herzmenschen. Diejenigen, die einen zum strahlen bringen auch wenn man selbst es nicht vermag.

„S’il vous plaît.“ – hörte ich Nummer 8 neben mir sagen.
„S’il vous plaît.“ – mein Französisch ist, gelinde gesagt, miserabel. Aber das konnte ich verstehen.

Er hielt mir einen Keks hin.
„S’il vous plaît.“

Wisst ihr Freunde, es gibt Momente, die entschädigen einen für alles.

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2 Kommentare

  1. Moin Bastian,

    sehr schön geschrieben. Bin über Facebook auf deine Seite gestoßen. Ich war 2006 selbst als Bordtechniker in Kinshasa und schwelge manchmal in Erinnerungen.

    Danke für diesen Rückblick und mit kameradschaftlichen Grüßen, Kai

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