Von Verlusten.

Lebenserinnerungen eines 77-jährigen

Ein kleiner großer Mann schrieb einmal in einem Buch: „Im tiefsten Inneren wollte doch jeder lieber zu Hause sein, als in der Fremde einer ungewissen Zukunft entgegen gehen zu müssen. Vielleicht kann man dieses Phänomen nur verstehen, wenn man sich selbst in einer solchen Lage befunden hat.“.

Zwei Sätze die mich mit ihm sehr verbunden haben weil ich deren Bedeutung verstehen konnte. Weil sie, obgleich Generationen zwischen uns liegen, sehr ähnliches Erlebtes in sich tragen. Dieser Mann war mein Großvater. Lebenserinnerungen eines 77-jährigen ist der Titel dieses Buches. Und er hat Lilli Marleen gesungen, dieses alte schöne Lied welches auch mich durch meine 4 Auslandseinsätze begleitet hat.

Ich bin kein guter Schreiberling oder blumiger Poet. Manchmal fällt mir das Schreiben schwer mit meinen beschränkten Mitteln und die Gedanken wollen sich nicht so recht in Worte packen lassen. Die Sprache ist ein mächtiges Werkzeug jedoch gibt es Momente in denen sie mir zu schwach erscheint um mich wirklich über sie auszudrücken. Dennoch. Ein Versuch.

Die Wörter „Liebe“ und „Trauer“ sind kaum in der Lage die Gefühle zu beschreiben für die sie stehen. Wahrscheinlich auch deshalb gibt es darüber unendlich viele Lieder und Gedichte. Weil ein Wort manchmal alles sagt und doch so oft nicht ausreicht etwas zu beschreiben. Liebe. Trauer. So gegensätzlich wie sie scheinen mögen, so verbunden sind sie doch miteinander. Gewaltig können sie über uns herein brechen, uns machtlos machen und niederwerfen oder Kräfte in uns wecken zu denen wir ohne diese tiefen Gefühle nicht fähig gewesen wären.

Ich war einmal an einem Punkt, da dachte ich, ich habe genug Verluste für ein Leben erlebt. Genug Beerdigungen, Abschiedsreden, Ehrenzüge und Appelle. Diesen Dingen auch nur den Hauch von etwas Positivem abzugewinnen erschien schier unmöglich. Wie auch? Allein die damit einhergehende Endgültigkeit gegen die sich der Verstand und das Herz mit aller Kraft wehren, war schlichtweg niederschmetternd.

Ohne Liebe keine Trauer.

Wer sich fragt wie er jemals etwas positives in seinem Verlust finden kann, der rufe sich diesen Satz in Erinnerung. Den in diesem Satz liegt all die Verbundenheit zwischen beiden.

Ohne Liebe keine Trauer.

Wer über einen Verlust trauert, war durch die Liebe verbunden und nichts kann uns nehmen was uns verband. Man hat geliebt. Gibt es etwas größeres, etwas wunderbareres als das?  Nein. Wer also sagt oder sich wünscht er wolle niemals einen über Verlust trauern, der sagt, er wolle niemals lieben. Wie leer und verschwendet wäre damit das Leben. Und wir haben nur dieses Eine. Das sollten, nein, das müssen wir nutzen.

Sich eine Weile in der Trauer über den Verlust zu verlieren, heißt also, sich noch einmal in der Liebe und Verbundenheit zu verlieren. Doch dann muss man irgendwo hin, wo die Trauer verschwindet. Ganz gleich ob Orte oder Menschen oder etwas anderes einen die Trauer überwinden lässt, sie muss verschwinden. Damit meine ich die Trauer, nicht die Erinnerungen. Sie bleiben uns. Und das ist gut so.

Man selbst atmet noch und es ist noch so viel schönes in einem was gelebt werden will und muss. Denn die Verbundenheit bringt auch ein Stück weit Verantwortung mit sich. Die Verantwortung selbst weiter nach Perspektiven für sich zu suchen und seine ganz individuellen Begabungen in positive Richtungen zu lenken. Den eigenen Blick zu schärfen für das Wesentliche um sich nicht an Belanglosem aufzuhalten. Um die wunderbaren Details und unzähligen Nuancen, die unser Leben uns bietet, zu sehen. Zu erleben. Zu erfühlen. Da ist noch so viel mehr.

Es gilt also aufzustehen und weiter zu gehen obwohl oder gerade weil der Verlust ein Stück von uns selbst mit sich gerissen hat. Sein Unglück ausatmen können, tief ausatmen, so dass man wieder einatmen kann, hat Erich Fried einmal geschrieben. Sich frei machen von dem Schmerz und dem Druck der einem die Luft zum atmen nimmt.

Einatmen. Durchatmen. Sich frei atmen. Leben und lieben.

Ganz am Ende, wenn man selbst einmal der Verlust von jemandem wird, sagen können: Ich habe gelebt. Ich habe gut gelebt, nicht verlernt zu lieben aus Angst wieder trauern zu müssen und ich habe meine Zeit genutzt die mir vergönnt war. Nicht ohne Fehler, aber so gut wie ich es eben konnte und in der Hoffnung dir, und mir selbst, damit gerecht geworden zu sein.

Und, ich habe nicht vergessen, ich habe der Welt von Dir erzählt und Deiner gedacht.

Es darf uns nicht daran liegen,
das Vergangene festzuhalten oder zu kopieren,
sondern wandlungsfähig das Neue zu erleben.

Insofern ist Trauer im Sinn des Hängenbleibens
an einem Verlust nicht gut
und nicht im Sinne des wahren Lebens.
(Hermann Hesse)

Der Rest ist Schweigen.
(Shakespeare)

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